31.08.2004 08:50 Uhr,
Die Geschichte von Marie und Julien ("Histoire de Marie et Julien")
Der Uhrmacher Julien lebt zurückgezogen in einem alten Haus, allein mit seiner Katze Nevermore und einem Haufen alter Uhren und Antiquitäten. Die einzige Abwechslung in seinem Leben sind seine gelegentlichen Treffen mit Madame, die mit gefälschter antiker Seide handelt und deswegen von Julien erpresst wird. Doch Juliens Leben ändert sich als eines Tages die ebenso schöne und sinnliche wie schweigsame Marie darin erscheint. Die beiden beginnen ein Verhältnis und bereits nach einer Nacht bittet Julien Marie bei ihm einzuziehen.
Von nun an leben, essen und schlafen sie gemeinsam, lieben sich leidenschaftlich und vertrauen einander ihre geheimsten Phantasien an. Doch obwohl ihr Verhältnis einerseits so nah und intim ist, bleiben sie sich andererseits doch merkwürdig fremd. Marie verhält sich zunehmend seltsam, sie schläft kaum, verfällt immer wieder in tranceartige Zustände und wird von Krämpfen geschüttelt. In einer Dachkammer des verwinkelten Hauses findet sie schließlich ihr eigenes Refugium und beginnt dieses wie nach einem geheimen Plan einzurichten. Ihr Verhalten wird immer rätselhafter und als Julien Marie schließlich zu seiner Komplizin bei seinen Erpressungen macht, stellt sich heraus, dass zwischen Marie und Madame X eine Verbindung zu bestehen scheint. Plötzlich verschwindet Marie und Julien taucht in ihre Vergangenheit ein und erfährt - auch mit Hilfe von Madame X - ihr schreckliches Geheimnis. Nichts weniger als die Frage nach Leben und Tod steht zwischen den beiden Liebenden und erst wenn sie loslassen, können sie zueinander finden.

Maries Geheimnis, das hier nicht verraten werden soll, wird nicht plötzlich gelüftet, vielmehr ist es während des gesamten Films präsent und schleicht sich auf faszinierende Weise während der immerhin 150 Minuten langsam ins Bewusstsein des Zuschauers, zunächst nur durch indirekte Andeutungen, die dann zur Ahnung und schließlich zur Gewissheit werden. Die zweite Zusammenarbeit des französischen Regisseurs Jacques Rivette mit Emmanuelle Béart (nach Die schöne Querulantin von 1991) ist eine ungewöhnliche, geheimnisvolle Liebesgeschichte geworden, die einen vor allem durch atmosphärische Bilder und die beeindruckende Präsenz der beiden Hauptdarsteller, neben Béart der Pole Jerzy Radziwilowicz, in ihren Bann zieht.


Drama - Frankreich 2003
Regie: Jacques Rivette
Darsteller: Emmanuelle Béart, Jerzy Radziwilowicz
Länge: 150 Min.

von Judith Bornheim

Julien und Marie in trauter Zweisamkeit