Das Berlinale-Tagebuch 2007

Unsere Filmspur-Redakteure Steffie Bradtner und Philip Gritzka berichten:

Samstag, 17.02. - Tag 10

STEFFI schreibt:

Ende Gelände, der letzte Festivaltag! Trotz großem Schlafmangel und nicht konstant großem Kino, ist es der nachhaltige Eindruck der vielen guten Filme, der spannenden Begegnungen und der entspannten Atmosphäre, die einen morgen wehmütig aus Berlin abreisen lassen.

Damit uns der Abschied von der Berlinale aber nicht allzu schwer fällt, haben die Programmgestalter in kluger Vorausicht einen sehr fadenWettbewerbsbeitrag auf den letzten Tag gelegt. ANGEL von François Ozon hat keine der Ozon`schen Qualitäten, dafür aber viele Schwächen. Es geht um die junge Angel, die fest davon überzeugt ist, eine berühmte Schriftstellerin zu werden und deren schwülstige Romane sie tatsächlich zum Ruhm und zurück befördern. Vergeblich wartete man in dieser Mixtur aus Rosamunde Pilcher und Utta Danella auf eine ironische Auflösung. Wacklige Bluescreens und eine rosafarbene Schrift im Vorspann reichten dafür nicht aus und die Überforderung der Hauptdarstellerin Romola Garai hatte leider so gar nichts Doppelbödiges.

Die Franzosen haben mich auf dieser Berlinale leider selten zu einem begeisterten Zuschauer gemacht. Auch mein persönlicher Abschiedsfilm, ANNA M. von Michel Spinosa , aus der Reihe Panorama, konnte nur bis zur Halbwertzeit überzeugen. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich in ihren Arzt verliebt und sich in diese nicht erwiderte Liebe immer mehr hineinsteigert. Wobei das ?immer mehr? gar keine treffende Beschreibung ist, denn Anna ist sehr schnell besessen von dem Mann und ihr Wahn erfährt eigentlich gar keine Steigerung. Zwei Stunden lang hält das Drehbuch keine Entwicklung, egal in welche Richtung, bereit und das nimmt der darstellerisch guten Leistung von Isabelle Carré zwangsläufig die Luft aus den Segeln.

Aufregend bleibt an diesem letzten Tag also nur die Frage, wer die Goldenen und Silbernen Bären aus Berlin tragen darf. Die Preisverleihung werden wir gleich als Liveübertragung in einem Kinosaal verfolgen und sind schon sehr gespannt, ob unsere persönlichen Favoriten auch ein paar Kekse abgreifen können. Zu den besten Filmen gehörten für mich IRINA PALM, ICH BIN EIN CYBORG, ABER DAS MACHT NICHTS, TUYAS EHE und noch ein paar mehr, so daß ich in dieser Kategorie hoffentlich nicht enttäuscht werde. Eindeutiger empfinde ich bei der Kategorie ?Beste Darstellerin?: Marion Cotillard sehe ich auch ganz am Ende der Berlinale in ihrer Rolle als Edith Piaf ungeschlagen. Wie sich Gael, Willem und Co. aber wirklich entscheiden, sehen wir erst, ?wenn das Licht angeht?!? La!




Freitag, 16.02. - Tag 09


STEFFI schreibt:
Der letzte Film am gestrigen, wenig berauschenden Berlinale Tag hieß ausgerechnet: NO REGRETS! Im Gegensatz zu Jennifer Lopez kläglichem BORDERTOWN konnte man diesen koreanischen Streifen über einen jungen, schwulen Mann tatsächlich ohne Reue betrachten, aber die Aneinanderreihung vieler, altbekannter Klischees (Stichwort: Stricherdasein) machte ihn auch nicht gerade spannend.

Der tschechische Altmeister Jiri Menzel eröffnete heute morgen den vorletzten Tag mit seinem Beitrag ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT. Es ist die Verfilmung eines Romans von Bohumil Hrabal, von dem Menzel bereits mehrere Werke verarbeitet hat. Die Lebensgeschichte des kurzgewachsenen Jan Ditie, der es vom Kellner zum Millionär bringen möchte, wurde mit viel Augenzwinkern und Ironie umgesetzt. Manchmal Stummfilm-Ästhetik, manchmal operettenhafte Szenen und wenige ernste Momente, die sehr poetisch eingefangen werden. Julia Jentsch liefert in diesem Film das Kontrastprogramm zu Sophie Scholl und spielt ein hitlertreues sudetendeutsches Mädel. Auch die männlichen Hauptdarsteller Oldrich Kaiser und Ivan Bergev machten ihre Sache gut, nur das Ende der Geschichte ist mir persönlich zu zuckrig geraten.

Von der tschechischen Marschmusik ging es nahtlos über in englischen Independentrock. Der zumindest begleitete großenteils die Erzählung HALLAM FOE. Jamie Bell (?Billy Elliot ? I will dance?) spielt darin den siebzehnjährigen Hallam, der nicht glauben will, daß seine Mutter Selbstmord begangen haben soll. Vielmehr verdächtigt der zurückgezogene Junge seine Stiefmutter und seinen Vater des Mordes. Schließlich läuft er von zu Hause weg und beginnt in Edinburgh unbewusst eine Reise, die ihn reifen und langsam statt in der Vergangenheit in der Gegenwart leben lässt. Jamie Bell verkörpert Hallam mit richtig dosierter Intensität und ist sowohl in seinen verstörten, als auch klaren Momenten absolut glaubhaft. Manche Randfigur ist zu stereotypisch angelegt, aber insgesamt macht es einfach Spaß, Hallams Weg zu verfolgen und der Film hält einige schöne neue Dialoge und Bilder bereit. Guter Tag!

Dritter im Wettbewerbsbunde war LOST IN BEJING von Regisseur Li Yu. In dessen chinesischer Heimat wird derzeit noch heiss diskutiert, ob der Film zugelassen oder zensiert wird. Für europäische Augen zumindest hielt er keine krassen Szenen bereit. Es geht darin um eine Frau, die von ihrem Chef vergewaltigt wird, im Anschluss schwanger ist und nicht weiß, ob ihr Mann oder der Chef der Vater sind. Ihr Mann verkauft das Baby schließlich dem Chef und die Frau kommt erst ganz am Ende auf die Idee, beiden Männern für immer den Rücken zu kehren. Der Film ist nicht schlecht, gerade weil er diese abstruse Situation über weite Strecken als oberflächlich annehmbare Lösung darstellt und die ganze Grausamkeit immer zugeschüttet wird.


PHILIP schreibt:
Und ja, es wurde gestern Abend tatsächlich noch besser: GRANDHOTEL eine Produktion aus der Tschechischen Republik wusste mit malerischen Bildern und charmanten Figuren meinen Berlinale-Donnerstag doch noch auf einer positiven Note ausklingen zu lassen. Das Grandhotel, eine fantastische, beinahe futuristisch angehauchte Konstruktion, übertürmt, auf einem Berg gebaut, ein kleines tschechisches Städtchen. Ebenso außergewöhnlich wie seine Archtektur sind auch seine Bewohner, auch wenn ihre Probleme doch sehr menschlich sind: das Leben des Hotelmanagers dreht sich nur um Sex (mit großen Worten aber stehts erfolglos), das Reinigungsmädchen mit den blauen Haarsträhnchen sehnt sich einfach nur nach Aufmerksamkeit, einer der Kellner träumt vom großen Geld durch sein Allzweck-Putzprodukt "Happy Life" und seine Freundin kann keine Babys bekommen und vetreibt sich deshalb zum Ausgleich die Zeit mit Ladendiebstahl. Hauptfigur ist aber der Sonderling Fleischman, der zwar auch im Grandhotel angestellt ist, der seine Zeit aber viel lieber mit detaillierten Wetterbeobachtungen und Vorhersagen verbringt. Mit viel Sanftmut erzählt der Film die größeren und kleineren Geschichten dieser Figuren und verpackt das - fein verschnürt - in ein bezauberndes visuelles und musikalisches Paket. Zwar ist der Film nicht ohne Ecken, aber am Ende überwiegt doch der positive Eindruck - und zwar um Längen!

Heute morgen ging es dann auch gleich weiter mit dem osteuropäischen Kino - da lief nämlich der Film ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT (ebenfalls aus der Tschechischen Republik) im Wettbewerb. Die Geschichte spar ich mir, ich bin sicher, dass Steffi diese bereits in die richtigen Worte verpackt hat. Außerdem stehe ich dem Film etwas zwiespältig gegenüber: auf jeden Fall war er viel kurzweiliger als ich gedacht hätte, mit unzähligen wirklich charmanten Episoden und Figuren (etwa Julia Jentsch als naives Nazi-Fraulein). Auf der anderen Seite aber war er auch sehr inkonsistent und sprunghaft. Soll heißen: ein verrückter Einfall reihte sich an den nächsten (angefangen bei schwarz-weißen Stummfilmszenen bis hin zu ... äh, vielem anderen), dass es ziemlich schnell schon einfach zu viel war. Dazu hat die Hauptfigur dann noch eine doch sehr irritierende Leidenschaft für das große Geld, die viele seiner Motivationen eher fraglich dastehen lässt. Und nicht zu vergessen: zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, einen einzigen großen Werbespot für das "Pilsener Urquell"-Bier zu schauen - das Logo ist allgegenwärtig, vom Poster bis zum Ausspruch, und enden tut der Film mit folgenden Worten (natürlich paraphrasiert): "Hier ist das Bier gut, hier bleibe ich!"
Na dann, prost!

Viel klarer ist dafür der Eindruck den der nächste Film - HALLAM FOE - bei mir hinterlassen hat: Begeisterung!
Jamie Bell, am besten bekannt als der kleine Billy Elliott mit der großen Leidenschaft für Tütüs, spielt hier den titelgebenden Hauptcharakter, einen jungen Mann aus reichem Elternhaus. Seit dem Freitod seiner Mutter hat er sich von Familie und Welt abgekehrt und führt ein verwildertes Dasein im Baumhaus des Familienanwesens. Mit Außnahme seiner Schwester verachtet er alle Menschen und schleicht Nachts heimlich durch die Gassen seiner Heimatstadt, um die Einwohner aus dem Dunkeln heraus zu beobachten. Klar: bald schon überschlagen sich die Geschehnisse, so dass Hallam gezwungen ist seinem Zuhause den Rücken zu kehren. Richtig kompliziert werden die Dinge aber troztdem erst, als er in Edinborough eine Frau trifft, die seiner verstorbenen Mutter zum verwechseln ähnlich sieht...
Abgesehen von einigen unnötigen Grenzüberschreitungen ist HALLAM FOE ein Film, der auf der ganzen Linie Gutes liefert: die Schauspieler (allen vorran Jamie Bell) sind erstklassig, die Stimmung ist dicht, vor allem weiß der Film aber eine gelungene Mischung zwischen Humor und Tragig zu finden.
Ich denke, dass alle Leute, die Spaß an solchen (späten) Coming-of-Age-Filmen wie etwa GARDEN STATE hatten, an diesem (nur ein wenig verflochteneren) Film Freude haben werden...

Es folgt: LOST IN BEJING. Langezeit war unklar, ob der Film auf der Berlinale laufen würde, weil China nicht zulassen, wollte, dass eine ungeschnittene Version zugänglich würde - zu explizit waren ihnen die Erotikszenen. Nun, angeblich hat man sich doch geeinigt und LOST IN BEJING bleibt unzensiert. Wenn dem aber so ist, dann bleibt doch sehr fraglich, was eigentlich gekürzt werden sollte: zwar gibt es ziemlich eindeutigen Sex, aber etwa Geschlechtsteile (ein wichtiges Kriterium, um Filme als "explizit" zu bezeichnen) bleiben versteckt.
Inhalt: Eine junge, verheiratete Frau wird von ihrem Chef vergewaltigt und - eventuell - geschwängert. Ehemann und Opfer beschließen den (sehrwohl verheirateten) Chef daraufhin für den Nachwuchs verantwortlich zu machen. So entsteht eine interessante Konstellation, aus zwei Ehepaaren, deren innere Grenzen zunehmend verschwimmen. Mal lustig, mal tragisch sorgt LOST IN BEJING für ein Wechselbad der Gefühle, das ästhetisch stark an die sog. "Berliner Schule" erinnert: Sozialrealismus pur. Vielleicht findet das ja bei so manchem Anklang. Bei mir leider nicht...
Um ein letztes Urteil zu fällen, müsste man aber auch wissen, wie schwierig es tatsächlich ist so einen Film in China zu drehen...

Und zum Abschluß des Tages: GOOD BYE, SOUTHERN CITY - ein Film aus Aserbaidschan. So schwer das schon alleine zu schreiben ist, wird es wohl trotzdem bei weitem kein Vergleich dazu sein, wie schwer es ist dort Filme zu machen. Eine wirkliche Filmkultur gibt es da jedenfalls nicht. GOOD BYE, SOUTHERN CITY ist irgendwo zwischen Gangsterfilm und Sozialdrama angesiedelt. Aber ganz ehrlich: das spielt keine Rolle! Der Film ist schrecklich/herrlich naiv, plump und direkt - errinert manches Mal an den Charme von Heimvideos. Trotzdem: Filmemacher Oleg Safarliyev hat großen Respekt dafür verdient, so einen Film an so einem Ort zu verwirklichen. Fazit: für Weltenbummler und Trashfanatiker!

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Donnerstag, 15.02. - Tag 08.

PHILIP schreibt:
Je länger die Berlinale andauert, desto weniger gibt es zu sagen. Zumindest wenig Nettes. Und wenn man nichts Nettes zu sagen hat, so heißt es doch, dann soll man besser gar nichts sagen, oder? Naja, ein paar Worte sollen es trotzdem sein...
Das magische Wort heißt BORDERTOWN: eine amerikanische Produktion irgendwo zwischen Sozialdrama und Thriller. An der Amerikanisch-Mexikanischen Grenze werden zunehmend mehr junge Frauen vergewaltigt und getötet. Offiziell ist von ca. 350 Toten die Rede, doch ziemlich bald schon muss eine ehrgeizige Reporterin erfahren, dass die wirkliche Zahl irgendwo über 5000 liegt. Als plötzlich eine der Angegriffenen überlebt und Schutz sucht, muss sich auch die Journalistin in Lebensgefahr bringen. Inszeniert ist der Film als hipper Arthouse-Thriller mit vielen schnellen Schnitten, kurzen Einschüben und Rückblicken - irgendwo zwischen MTV und TRAFFIC. Naja, zumindest wäre er gerne so ein Film. Tatsächlich ist er einfach nur erbärmlich schlecht: oberflächlich, affektiert, übermäßig bemüht, leidenschaftslos und scheinheilig. Und wenn das noch nicht reicht, hier das I-Tüpfelchen: die toughe Journalistin wird von Jennifer Lopez gespielt - genau, Jenny from the Block. Ich hab jedenfalls nicht lange durchgehalten und bin beim vorzeitigen Verlassen des Kinosaals (schuld ist die Enge) aus Versehen noch Jurymitglied William Dafoe durch die Haare gestrichen (und nur vielleicht habe ich mir sein leises "What the Fuck!" eingebildet)...

Später dann gab es noch DIE HERZOGIN VON LANGEAIS, ebenfalls ein Wettbewerbsfilm. Regie bei dieser Balzac-Verfilmung führte der französische Altmeister Jaques Rivette. Bei knapp 140 Minuten Laufzeit kann man davon ausgehen, dass er sehr Vorlagentreu gearbeitet hat. Der Film war also lang, langsam und auch ein bisschen langweilig, ja, trotzdem kann ich ihn nicht wirkllich verdammen: Rivettes Regie ist herrlich altmodisch und er trifft Balzacs sanfte Ironie mit spielender Leichtigkeit (vor allem die wiederkehrenden Textblenden seien hier erwähnt, die - zum einen - das Geschehene kommentieren, zum anderen die Handlung vorantreiben). Ein Film für das Arte-Abendprogramm aber kein Film, den ich frei heraus empfehlen würde.

Vielleicht bring das Abendprogramm ja noch Licht in das Dunkel. Mein morgiger Tagebucheintrag wird darüber aufklären...


STEFFI schreibt:

Philip hat leider recht: gegen Ende jeht dem Berlinale Programm een bisken de Luft aus, wie ma scheint! Mit BORDERTOWN erreichte der Wettbewerb heute seinen absoluten Tiefpunkt und die schläfrige Herzogin von Langeais (NE TOUCHEZ PAS LA HACHE) ist nur als Alternative zum Buch zu empfehlen.

Gestern war das Programm da noch interessanter. ZIRKUS IS NICH ist eine Dokumentation von Astrid Schult über den achtjährigen Dominik aus Berlin Hellersdorf, der in einer Plattenbausiedlung groß wird und sich den ganzen Tag um seine dreijährige Schwester kümmern muss. Ein ehrlicher, anrührender Film.

A CASA DE ALICE ließ uns eintauchen in das Leben der Mittvierzigerin Alice, die gemeinsam mit Mutter, Mann und drei Söhnen in einer kleinen Wohnung in Sao Paulo lebt. Schauspielerisch und atmosphärisch ist schönes Weltkino dabei herausgekommen, aber da wirklich alle Männer in diesem Film ausnahmslos als Schweine dargestellt werden, ist der Nachgeschmack doch etwas einseitig.

Eine kleine Enttäuschung hielt die Spätvorstellung für uns bereit. INTERVIEW ist das Remake eines Films von Theo Van Gogh, dem niederländischen Filmemacher, der im November 2004 von einem fanatischen Islamisten ermordet worden war. INTERVIEW ist eine Art Kammerspiel mit nur zwei Hauptrollen: ein frustrierter Reporter soll ein ihm unbekanntes Starlet interviewen und im Laufe des Abends kommen Geheimnisse der beiden ans Licht. Sienna Miller und Steve Buscemi, der auch Regie führte, gaben ein spannungsarmes Paar ab und hangelten sich durch das Drehbuch, ohne je glaubhaft zu werden.
Diese Version also bitte grossräumig umfahren und lieber mal das sehenswerte Original betrachten.

Morgen erwarten uns HALLAM FOE und LOST IN BEJING und es kann jetzt eigentlich nur noch besser werden, La!

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Mittwoch, 14.02. - Tag 07:

STEFFI schreibt:
Am gestrigen Nachmittag gab es die Premiere von THE WALKER zu sehen, dem Film von JURY Präsident Paul Schrader, der verständlicherweise außer Konkurrenz läuft. Eine weitere dramaturgische Hommage an den Film Noir, spielend aber in der Neuzeit, mit Woody Harrelson als schwulem Dandy. Er meistert seine Rolle ganz wunderbar, aber mich konnte der ironisch angelegte Streifen insgesamt leider nicht überzeugen. Die beabsichtigte Coolness konnte das detektivische Verwirrspiel nicht ständig halten und wirkte daher manchmal unabsichtlich albern.

Im Anschluß haben wir dann mal die erste offizielle Feier hier gestürmt ?Preisverleihung des Verbands Deutscher Filmkritiker. Der als Moderator eingesetzte Schauspieler Dieter Landuris kämpfte verzweifelt um Aufmerksamkeit. Offenbar waren alle Anwesenden hüstel nur der freien Getränke wegen da. Um derenthalben konnte einem die peinliche Preisverleihung dann auch egal sein.

In die Nacht begleitete uns dann noch der im Panorama laufende FAY GRIM it Jeff Goldblum und Parker Posey in den Hauptrollen. Eine Frau gerät darin in den Strudel internationaler Spionage. Ein unheimlich witziger Film, der mit dem Agentengenre spielt und sich unablässig über die allumfassend empfundene Bedrohung lustig macht. Nur das Ende ist leider etwas ernst geraten und hätte im ironischen Ton sicher besser gefallen.


PHILIP schreibt:
Kriegsfilme haben es bei mir persönlich immer sehr schwer. Zum einen müssen sie künstlerisch überzeugen, zum anderen erwarte ich auch einen gewissen pädagogischen Anspruch. Krieg ist etwas Schreckliches - zumindes DAS sollte ein Film doch vermitteln können (ein gelungener Kriegsfilm und einer der etwa von der Medienabteilung des Pentagons mitfinanziert ist, schließt sich somit zwangsläufig aus). BEAUFORT, der erste Wettbewerbsfilm dieses siebten Festivaltages, ist ein israelischer Kriegsfilm. Basierend auf dem gleichnamigen Roman erzählt er die Geschichte von einem der letzten Außenposten Israels in Lybien. BEAUFORT, so heißt das Kreuzfahrerschloß, dass seit Jahrhunderten auf einem Hügel thront, beinahe ebenso lange umkämpft ist und jetzt diesen Außenposten beherbergt. Dass sich Israel bald zurückziehen wird, ist dabei allen beteiligten klar - es heißt nur noch auf den Befehl zu warten. Bis dahin muss der Trupp junger Soldaten - beinahe völlig von der Außenwelt abgeschnitten - auf Posten bleiben. Dabei stellt der dauernde Mörserbeschuß aus dem Tal nur eine der vielen tötlichen Gefahren dar - können die Männer dem Druck standhalten?
BEAUFORT ist definitv wirksam als Abschreckungsfilm, dafür verdient er bereits großes Lob. Vor allem durch das beinahe surreale Setting gelingt es dem Film darüber hinaus noch ästhetische Grenzen des Kriegsfilms zu überschreiten - BEAUFORT ist also keiner dieser unzähligen Versuche doch nur wieder nach Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN auszusehen. Dass der Film - mit Ausnahme einiger Aussetzer - außerdem noch einem soliden Drehbuch folgt (nur wenige Klischees und nur etwas zu lang) trägt sein Übriges zum Erfolg bei.

YELLA, der zweite und letzte deutsche Wettbewerbsbeitrag, brachte uns danach aber wieder aus dem fernen Israel zurück ins wohlbekannte Deutschland. Doch auch Filmemacher Christian Petzold (bekannt für die sog. Berliner Schule, den Neuen Deutschen Realismus und "GESPENSTER") schlug ungewohnte Töne an: statt wie üblich den sozialen Realismus zu bebildern, zeigt YELLA tatsächlich Anleihen an den fantastischen Film. David Lynch kommt einem manchmal in den Sinn (und das ist ja nicht das Schlechteste). YELLA erzählt von einer jungen Frau, die verzweifelt versucht aus den Zirkeln ihres tristen Lebens zu entfliehen. Die Inszenierung ist fesselnd, die Darsteller leisten großartige Arbeit (Devid Striesow mit seinem zweiten Wettbewerbsauftritt nach DIE FÄLSCHER und Nina Hoss als Titelcharakter), nur das Ende enttäuscht ein wenig, weil man so etwas doch schon manches Mal gesehen hat - gerade in jüngster Zeit.
Große Neuigkeit für mich: Christian Petzold kommt wie ich aus dem schönen kleinen (ca. 50.000 Seelen) Städtchen Hilden (berüchtigt für sein Autobahnkreuz). Da schätze ich ihn doch jetzt gleich noch viel mehr!

ALICE'S HOUSE war dann wieder ein Beitrag aus der Panorama-Reihe - dieses Mal aus Brasilien. World-Cinema, das mir persönlich nicht so zusagt, das aber trotzdem zumindest durch Authentizität und tolle Darstellerleistungen zu gefallen vermag. Sicherlich wird euch Steffi noch mehr zu ALICE'S HOUSE erzählen - ihr hat er nämlich mehr zugesagt.

Und zum Schluß: INTERVIEW. INTERVIEW ist ein Remake des gleichnamigen Films vom ermordeten Niederländischen Filmemacher Theo VanGogh - ursprünglich wollte er den Film selbst für den amerikanischen Markt neu aufbereiten, aber sein Tod kam ihm dann doch dazwischen. Jetzt hat sich Steve Buscemi vor und hinter die Kamera gestellt und spielt an der Seite von Traumfrau Sienna Miller. Wer das Original nicht kennt, kann wohl sicherlich anderthalb vergnügliche Stunden erleben, die aber (habe ich mir sagen lassen - Danke, liebe Steffi!) im Vergleich zum Original weit hintenanstehen (schon alleine wegen dem fehlenden Knistern zwischen Buscemi und Miller. Flott inszeniert ist der Film aber trotzdem. Nette leichte Kost halt...

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Dienstag, 13.02. - Tag 06:

STEFFI schreibt:
Die Kälte Berlins fordert langsam ihren Tribut: mir scheint das halbe Festivalpublikum ist erkältet. Eine "Husten-La Ola" nach der anderen
erschüttert den BerlinalePalast und icke bin seit jestern och ein Opfer dieser Viren. Zum Teil gebe ich dem Wettbewerbsbeitrag LES TÉMOINS die Schuld, denn diese zwei Stunden französische Langeweile waren wirklich kräftezehrend. Ein Zuschauer ist sogar eingeschlafen und sorgte durch sein unüberhörbares Schnarchen für die einzig echte Emotion im Kinosaal.

Dabei hatte der Tag gar nicht so übel begonnen. Im Gegensatz zu Philip konnte ich WHEN A MAN FALLS IN THE FOREST durchaus etwas abgewinnen. Die Story und Erzählweise sind wirklich nicht neu, aber es ist einfach ein Versatzstück mehr, das die Einsamkeit der Menschen einzufangen weiß. Sogar Sharon Stone, deren Schauspielkunst ich generell eher für begrenzt halte, konnte mich als frustrierte Hausfrau überzeugen. Stärker aber war das Spiel von Timothy Hutton, der nach dieser Rolle vielleicht mal wieder öfter auf der Oberfläche erscheinen wird.

Nach der grippalen Zwangspause sah ich heute morgen als erstes den Film mit der ehemaligen Rocksängerin Marianne Faithfull und habe damit seit heute einen neuen persönlichen Favoriten: IRINA PALM erzählt von einer englischen Großmutter, die dringend Geld braucht, um die Behandlung ihres todkranken Enkelsohns bezahlen zu können. Klingt soweit nach Rührstück, ist aber weit davon entfernt. Da sie in ihrem Alter keinen Kredit, geschweige denn Job mehr bekommt, landet Maggie schließlich in einem Sexclub und holt Männern einen runter. Unsentimental und gleichzeitig voll Gefühl bringt Regisseur Sam Gabarski seine Geschichte voran, die unvorstellbar klingt und doch ganz und gar authentisch wirkt, weil er jede einzelne Figur ernstnimmt. Marianne Faithfull verleiht Maggie durch zarte Nuancen echtes Leben, ist stark und schwach zugleich und trägt den ganzen Film scheinbar mühelos allein auf ihren Schultern. Intelligent, warmherzig und humorvoll nahm der Film den gesamten Zuschauerraum gefangen und es gab zum ersten Mal mehrfach Szenenapplaus. Für mich ist IRINA PALM definitiv Bärenmaterial!


PHILIP scheibt:
Nachdem gestern die Enttäuschungen überwogen, sorgte mein heutiges Programm wieder für einen fairen Ausgleich. Los ging es für mich mit THIS FITHLY WORLD, der Aufzeichnung einer Bühnenpräsentation der Kinolegende John Waters. Wer ihn nicht kennen sollte: John Waters ist - sozusagen - einer der Urväter des amerikanischen Undergroundcinemas - wahscheinlich geht alles, was am modernen Film unanständig, schmutzig oder gar vulgär ist, auf disen Mann zurück. Danke! Der Inhalt von THIS FILTHY WORLD hat ihren Ursprung in den Promotionauftritten die Waters seit frühester Zeit unternehmen musste, um die Werbetrommel für seine Arbeit anzupeitschen. Ein Mann, eine Bühne, eine Show - im Grunde genommen ist THIS FILTHY WORLD John Waters Version von AN INCONVENIENT TRUTH, aber statt Ökologie geht es hier halt um Scheiße fressende Transvestiten - ganz, ganz große Unterhaltung!

Zurückhaltung ist eine Tugend! Jawohl! Darum habe ich mir heute auch nur zwei Filme angesehen! Das muss schließlich auch mal sein! Und somit heißt der letzte Film des heutigen Tages THE WALKER. THE WALKER läuft im Wettbewerbsprogramm, dort aber außer Konkurrenz. Das ist schade (in Anbetracht der Qualität des Films), das ist aber auch verständlich (in Anbetracht der Tatsache, dass Paul Schrader, der Regisseur von THE WALKER, außerdem diesjähriger Jury-Präsident ist...).
Nun, sprechen wir es ruhig noch einmal aus: Film ist Geschmackssache - und über Geschmack lässt sich nicht streiten! Jedenfalls war THE WALKER für mich bisher DER FILM des Festivals: ein solch intelligent, spannend, ironisch und perfide inszenierter Film, dass ich sicherlich noch lange von ihm zehren werde. Ich weiß aber auch, dass Kollegin Steffi Schraders Jünstem wirklich gar nichts abgewinnen konnte. Wer es also genau wissen will, der muss sich wohl seine eigene Meinung bilden. Wer aber auf mein Urteil vertraut: nichts wie rein ins Kino (sobald sich die Möglichkeit dazu bietet)!
Im Zentrum von THE WALKER steht Carter Page III., ein schnöseliger Homosexueller aus dem Washingtoner Politikmilieu. Nicht, dass Page politisch aktiv wäre, nein, im Gegenteil: er ist ein sogenannter "Walker", ein (bisweilen) bezahlter Gesellschafter, der etwa ältere Frauen ausführt, oder auf Empfänge begleitet, wenn der Gatte keine Zeit hat. Eines Tages aber gerät Page III. in einen Mordfall und so beginnt seine sauber konstruierte Welt langsam auseinander zu berechen. Das ist ein wenig, als würden Truman Capote und Sam Spade in einer Person zusammentreffen...
Carter Page III. wird von Woody Harrelson mit einer solchen Spielfreude dargestellt, dass der Film einem schnell jede weltliche Last zu nehmen vermag und den Zuschauer ganz in der Geschichte aufgehen lässt. Es ist einfach ein großes Vergnügen herauszufinden, dass hinter Pages perfekter Fassade tatsächlich ein menschliches Wesen mit einem ausgeprägten Gewissen, vor allem aber einem exquisiten Humor existiert.
Page's Liebhaber wird übrigens von Deutschlands Liebling Moritz Bleibtreu gespielt! Nach MÜNCHEN der zweite große Hollywoodauftritt Bleibtreus - dieses Mal aber mit deutlich mehr Spielzeit!
Wer Freude an subtil gesponnenen Film Noirs hat, wird an THE WALKER sicherlich viel Gefallen finden.


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Montag, 12.02. - Tag 05:

PHILIP schreibt:
Tag fünf - Halbzeit: Zur Feier des Tages fasse ich mich mal kurz:

Erstens: WHEN A MAN FALLS IN THE FORREST. Ich musste ja doch laut lachen, als im Abspann prominent verkündet wurde "Entstanden durch einen Sundance-Workshop" - so traurig das ist, aber diese fünf Worte haben das Wesen dieses Films einfach perfekt zusammengefasst. WHEN A MAN FALLS IN THE FORREST ist ein Beispiel für unmotiviertestes amerikanisches Independentkino (was natürlich nicht heißen soll, dass alle Filme, die mit Sundance in Verbindung stehen grausig sind!). Die Bilder sind zwar schön und manche Situation ist durchaus atmosphärisch, aber alles andere hat leider überhaupt kein Niveau. Nichts, das man auf die eine oder andere Weise nicht schon gesehen hätte. Was aber noch schlimmer ist: der Film hat keine Geschichte zu erählen. Während der Laufzeit passiert wirklich fast nichts und alle Vorgeschichten werden höchstens angedeutet (im besten Fall). Von den Darstellern gelingt es alleine Timothy Hutton seiner Figur Leben einzuhauchen - die anderen (von Sharon Stone bis Dykan Barker) scheitern leider - trotz Bemühungen - an dem schwachen Drehbuch. Schade.

Es folgten wunderbare Interviews mit Regisseur und Darstellern des gestern beschriebenen Films TEETH. Deren Inhalt gibt es bald in der Filmspur...

Film Nr.02 an diesem Tag: CAMPAIGN. Ein Japanischer (Möchtegern-)Politiker bemüht sich um einen Posten im Stadtrat. Eine zurückhaltende, dafür aber entlarvende und äußerst bissige Beobachtung des japanischen Politikalltags auf kleinster Ebene - mal belustigend, mal deprimierend. Auf jeden Fall aber: zu lang. Ich musste deshalb ein paar Minuten früher aus dem Saal und weiss deshalb leider bis heute nicht, ob der Protagonist seine Wahl gewonnen hat...

Der letzte Film des Tages: MEN... IN THE NUDE aus Ungarn. Zusammengefasst: Der Regisseur des Films masturbiert öffentlich auf seine (sicherlich umfangreiche) Thomas Mann-Sammlung. Etwas umfangreicher (und jetzt mit "Inhalt"): Alternder Autor verliebt sich (trotz Ehefrau) in jungen Stricher und lässt sich von diesem an der Nase herumführen... dabei ließt der eine dem anderen auch mal aus "Tod in Venedig" vor.
Wer den Film nicht gesehen hat, der hat nichts verpasst. Sei's drum...



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Sonntag, 11.02. - Tag 04:

PHILIP schreibt:
Eigentlich dachte ich ja, dass mein heutiger Eintrag sehr kurz würde - schließlich hatte ich nur wenig Filme gesehen und auch keine, über die es sich groß zu schreiben lohnte. Aber dann..., dann..., ja, dann traf ich auf die Vagina Dentata und plötzlich möchte ich mich wieder mitteilen. Aber dazu gleich mehr. Erst den Rest...

Nach meinem gestrigen Filmmarathon waren meine inneren Batterien heute etwas ausgelaugt. Zum Wettbewerbsfilm um neun am Morgen habe ich es jedenfalls nicht geschafft und auch als ich um 10.50h endlich in meinem ersten Film des Tages saß, war meine Aufmerksamkeit leider noch immer sehr angeschlagen. Darum bleibt für mich über LADY CHATTERLEY auch nur wenig zu sagen. Höchstens, dass der Film sich fern ab von der schwülen 70er-Jahre Erotik präsentiert, die man seit früheren Verfilmungen mit D.H. Lawrence berühmten Roman verbindet. Diese jüngste Interpretation wäre sogar eher noch als trocken und spröde zu bezeichnen: keine Idealisierungen, wenig Dialoge, dafür aber lange, schwelgerische Landschaftsbilder. Lang ist aber auch die Laufzeit des Films - nicht weniger als 160 Minuten. Die sollen dafür aber auch randvoll gepackt sein mit Werktreue. Mir kam zu Ohren, dass die liebe Steffi sich den Film bei einer späteren Vorstellung anschauen wollte - von ihr dürftet ihr also sicherlich noch mehr erfahren!

Nachdem ich mich also etwas ausgeschlafen hatte, musste ich schnell los und den weg zum Hilton Hotel suchen. Da war ich nämlich zu einem Interview mit August Diehl (zum Wettbewerbsfilm DIE FÄLSCHER) verabredet. Ich muss ja gestehen, dass ich im Vorfeld etwas nervös war: August Diehl schien mir (natürlich allein nach seinen Filmrollen beurteilt) immer ein sehr intensiver, kompromissloser Mensch zu sein. Aber meine Unruhe war unnötig: das genaue Gegenteil traf zu! Vor mir saß am Ende nämlich ein sehr freundlicher, aufgeweckter, offener und vor allem äußerst humorvoller junger Mann. Das schöne Interview, das dabei herausgekommen ist, werdet ihr sicherlich bald schon bei uns in der Filmspur hören können!

Mit dem Interview in der Tesch, war - Gott sei Dank! - auch meine Kondition wieder etwas gestärkt. Meinen nächsten Film konnte ich entsprechend wieder mit voller Aufmerksamkeit verfolgen. GUTEN MORGEN, HERR GROTHE ist eine deutsche Produktion die in der Panorama-Reihe läuft. Für die Regie zeichnet sich hi Lars Kraume verantwortlich. Anders als bei seinem letzten Film KEINE LIEDER ÜBER LIEBE gibt es hier aber keine pseudodokumentarischen Elemente. Stattdessen wird ganz klassisch die Geschichte des idealistischen Hauptschullehrers Herr Grothe (Sebastian Blomberg) erzählt, der sich unter großem persönlichen Einsatz um einen ganz besonders komplizierten Schüler bemüht. GUTEN MORGEN, HERR GROTHE ist eine WDR-Fernsehproduktion und in diesem Rahmen durchaus gelungen. Der Film wird also nicht regulär ins Kino kommen, was widerum auch nicht wirklich schade ist. Zwar überrascht er immer mal wieder mit einigen wirklich gelungenen Beobachtungen und stimmigen Momenten, doch als Gesamtes scheitert er an seinem bisweilen plumpen und naiven Drehbuch und seiner schwachen Besetzung. Besonders Sebastian Blomberg als Lehrer Grothe weiß wenig zu überzeugen - schon alleine seine Sprechweise lässt eher ungewollte Assoziationen eines Kinderschänders aufkommen. Nur der junge Ludwig Trepte als Störenfried Nico beweißt spannende Leinwandpräsenz.

So, kommen wir jetzt also zurück zur Vagina Dentata - ein bis zu den frühsten Völkern zurückreichender Mythos der bezahnten Vagina, die Männer bei der Penetration kastriert. Eine grässliche Vorstellung aber ein toller Stoff für Filme! Das beweißt jedenfalls der Film TEETH, der Debütfilm von Mitchell Lichtenstein: Für die hübsche Dawn ist Sex vor der Ehe ein großes Tabu - und für die Verbreitung dieser Überzeugung setzt sie sich auch aktiv ein; etwa als Referentin bei kirchlichen Versammlungen. Doch Dawns Ideale haben keinen religiösen Ursprung. Daran wird sie unangenehm erinnert, als es doch mal zu einer sexuellen Begegnung mit einem befreundeten Abstinenzler kommt! Die Wahrheit ist, dass Dawn schon seit frühester Kindheit ahnt, dass ihre Vagina ein gefährliches Instrument ist. Zu spät muss das auch der... Eindringling feststellen und sieht sich bald schon mit seinem sauber abgetrennten Penis konfrontiert. Ziemlich schnell lernt Dawn aber, dass ihr die besondere Gabe auch nutzen kann...
TEETH ist ein Beispiel für besten schlechten Geschmack und noch bei keinem anderen Film habe ich das Berlinale-Publikum so begeistert erlebt! Das laute Gelächter wurde eigentlich nur von gelegentlichen schmerzhaften Aufschreien diverser Männer unterbrochen. Zwar ist Lichtensteins Regie eher durchwachsen, aber die unzähligen Gags des Films weiß er brillant zu inszenieren und mit der Besetzung der Hauptrolle durch die bisher unbekannte Jess Weixler hat er ein gutes Händchen bewiesen: ohne Mühe gelingt es ihr den Zuschauer für die herrlich naive Dawn einzunehmen und man folgt ihr gerne auf dem Weg zum Racheengel. Ebenfalls nicht zu vergessen, ist die wohlklingend ironische Musik von Komponist Robert Miller, die dem Witz des Films zusätzliche Tiefe verleiht. Also, Männer: keine Angst! Auch wenn sich einem bei mancher Szene die Eingeweide (und diverse andere Körperteile) verkrampfen mögen, ist TEETH einfach zu gut und zu lustig, als dass man diesen Kulthit verpassen dürfte!


STEFFI schreibt:
Tag 4 auf der Berlinale und eine Eiseskälte! Glättere Straßen hat das Land noch nicht gesehen, aber zum Glück sind wir ja die meiste Zeit in gut geheizten Kinosälen unterwegs. Im Berlinalepalast gab es heute morgen einen weiteren Wettbewerbsbeitrag zu sehen: IN MEMORY OF MYSELF handelt von einem jungen Italiener, der ein Priesterseminar besucht und mehr als sich selbst dabei in Frage stellt. Leider muss ich diesen Film in Frage stellen, weil ich mich schon lange nicht mehr sooo gelangweilt habe. Offenbar war ich mit diesem Urteil nicht allein, denn noch aus keiner anderen Vorführung habe ich derart viele Menschen vorzeitig rausgehen sehen.

Etwas besser wurde es dann mit GOODBYE BAFANA. Der Film baut auf den Lebenserinnerungen eines südafrikanischen Gefängniswärters auf, der durch seinen Kontakt zu Nelson Mandela langsam Läuterung erfährt. Grandios an diesem Film ist die Leistung von Dennis Haysbert (?Dem Himmel so nah?), der trotz seiner ganz anderen Physis einen glaubhaften und ausstrahlungsstarken Nelson Mandela verkörpert. Schade ist, dass Joseph Fiennes und Diane Kruger in den anderen Hauptrollen die meiste Zeit über hölzern bleiben und vom Drehbuch oft Dialoge aufgewälzt bekommen, die mehr Informationen als Erzählung vorantreiben sollen. Echt schade, weil die Story selbst stark ist und Dennis Haysberts tolle Leistung so leider weniger zur Geltung kommt. In punkto Ausstrahlung lag er übrigens auch bei der Pressekonferenz allen anderen Anwesenden weit voraus!

Am meisten beeindruckt hat mich am heutigen Tag aber die Tatsache, dass ich Clint Eastwood live erleben konnte. Der gute Mann ist zwar wirklich alt geworden und hatte leichte Hörschwierigkeiten, aber als ?living legend? geht er bei mir trotzdem durch. Seine außer Konkurrenz laufenden LETTRES FROM IWO JIMA, die in japanischer Sprache gedreht wurden, haben mir gut gefallen. Keine Neuerfindung des Kriegsfiilms, aber ein neues Kapitel aus besonderer Perspektive. Schön gezeichnete Charaktere, ein starker Ken Watanabe und ein gutes Gefühl für Dramatik ohne Pathos.

Ganz am Ende des Tages verschlug es mich dann aus dem Epi-Zentrum der Berlinale am Potsdamer Platz zu einer Vorführung im etwas entfernten Zoopalast. Der Film LADY CHATTERLEY passte in dieses alte Kino mit lila Sesseln und rosa Rüschenvorhang auch wunderbar hinein. Dabei hat er nicht die pornöse Anmutung, die unsere Generation aus den Anfangstagen des Privatfernsehens kennt. Vielmehr ist es eine sehr detailgetreue Literaturverfilmung, die ihren Charakteren kindliche Naivität lässt und damit beim Publikum viele beabsichtigte Lacher erzielen konnte. Schwankend zwischen Humor und Romantik hätte der französische Film eigentlich prächtig werden können, aber leider hat er störende stilistische Brüche und ist insgesamt viel zu lang geblieben. Angucken kann man ihn sich aber bei Bedarf auch ohne rosa Rüschen.



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Samstag, 10.02. - Tag 03:

PHILIP schreibt:
Man lässt sich doch immer wieder gerne überraschen, nicht wahr? Dank einiger flüchtiger kleinen Informationen, die ich mir gestern Nacht noch im Programmheft angelesen hatte, habe ich mich heute morgen für den koreanischen Film DASEPO NAUGHTY GIRLS entschieden, um den Kinotag zu beginnen - ganz ohne Erwartungen und mit der Option bei Missfallen vielleicht ein wenig Schlaf nachzuholen. Nun, ich bin auch jetzt noch müde, was natürlich heißt, dass ich nicht zum schlafen gekommen bin. Gleich die erste Szene von DASEPO NAUGTHY GIRLS gibt seinen Zuschauern das unausgesprochene Versprechen, dass die folgenden knapp anderteinhalb Stunden ein großes Vergnügen werden dürften: zuerst nur eine einzelne rote Rose, dann der Schwenk zurück auf ein farbenprächtiges Blumenmeer. Dazu die erste Begegnung zwischen einem Jungen und einem Mädchen - komplett mit Schuluniformen, In-die-Arme-stolpern und keckem Zeitlupen-Augenzwinkern. Untermalt wird das ganze von quietschvergnügter Jodelmusik. Wenn das mal kein Start in einen jungfräulichen Tag ist! Approppos "jungfräulich" - damit bin ich gar nicht soweit vom Thema des Films weg: im weitsten Sinne geht es nämlich um alle nur denkbaren Formen der pubertären (aber auch erwachsenen) Lüste und Perversionen. Da ist der Lehrer, der sich im Unterricht gerne auspeitschen lässt, der Geldeintreiber, der sich nur in Sailor Moon-Uniform und Schminke richtig wohl fühlt, der Football-Kapitän, der auf der Suche nach Partnern in wirklich jedes Gay-Internetforum postet oder das hübsche Mädchen mit dem hermaphroditischen Geheimnis... - und das ist nur der kleinste Teil der abgedrehten Figurenschaar von DASEPO NAUGTHY GIRLS. Bei so einem verrückten Allerlei überrascht es natürlich nicht, dass der Film auf einer berühmten koreanischen Comicserie beruht. Anscheinend legte man größten Wert darauf, möglichst viel dieser Serie in den Film miteinzubauen. In den besten Momenten heißt das, dass sich ein Wahnsinn an den nächsten reiht, angefangen von Vater und Sohn, die sich gegenseitig im anonymen Internetchat anflirten, bis hin zu ueberkitschigen Musicaleinlagen (komplett mit Karaoke-Untertiteln). Auf der Kehrseite bedeutet das aber auch, dass man wohl oder übel auf eine übergreifende Erzählstruktur verzichten muss und dass (vor allem zum Ende hin) mancher Scherz - in mehr als nur einem Sinne - in die Hose geht. Nichts desto trotz: ein bonbonbuntes Vergnügen, besonders für Mangasammler und Freunde von asiatischem Irrsinn.

Der zweite Film des Tages war dann wieder klassischer in seiner Natur - aber nicht weniger lustig oder unterhaltsam: 2 DAYS IN PARIS. Gemeint ist nicht die Fortsetzung von Paris Hiltons unfreiwilligem Pornoouting, sondern das Regiedebüt der Schauspielerin Julie Delpy. Aber Delpy zeichnet sich hier nicht nur für die Inszenierung verantwortlich, sondern auch noch für Drehbuch und Produktion und steht darüber hinaus - gemeinsam mit US-Schauspieler Adam Goldberg - auch noch vor der Kamera: ein junges New Yorker Paar - sie Französin, er Amerikaner - macht bei der Rückreise eines Italienurlaubs zwei Tage halt bei ihrer Familie in Paris. Hier wird die Beziehung der beiden vor ihre größte Probe gestellt, als er durch Begegnungen mit den Eltern und mit Unmengen ihrer ehemaligen Liebhaber, erfahren muss, was es bedeutet eine Pariserin zur Freundin zu haben. Delpys Film ist schnell, intelligent, wunderschön, vor allem aber ungeheuer lustig. Ganz klar ein weiteres großes Highlight dieser noch sehr jungen Berlinale.

Film No#03 an diesem Samstag, sozusagen mein heutiges Mittelstück, war der erste der zwei deutschen Filme im internationalen Wettbewerb: DIE FÄLSCHER von Stefan Rutzowitzky. Der Filmemacher, der zuvor unter anderem für die ANATOMIE-Filme verantwortlich war, schreitet hier auf deutlich komplizierteres Terrain. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt von der größten Geldfälscheraktion der Geschichte - und zwar im KZ Sachsenhausen. Nicht alles an diesem Werk ist gelungen, aber nach einem etwas holprigen Einstieg gewinnt er doch an Momentum. Beinahe alle Figuren - egal auf welcher Seite stehend - sind facettenreich und spannend. Das Schauspiel ist über Strecken wirklich phänomenal und auch visuell bemüht sich der Film um Abgrenzung von ähnlichen Geschichten. Ein starker deutscher Einstand, der von vielen Pressevertretern mit Lob überhäuft wurde.

Inzwischen sind wir am Abend angelangt - da gab es für mich THE BUBBLE, der inzwischen vierte Film des israelischen Filmemachers Eytan Fox. Trotz des Konflikts zwischen Israel und Palästina, verläuft das Leben in manchen Regionen Israels - das zeigt uns dieser Film - noch relativ unbekümmert, etwa in Tel Aviv, das von außenstehenden oft abschätzig als "die Blase" bezeichnet wird. Für drei Bewohner einer Tel Aviver WG ändert sich das Leben aber gewaltig, als sich einer von ihnen, der sensible Noam in einen Palästinenser verliebt. Große Themen werden hier angesprochen: natürlich der alles überschattende Konflikt, aber vor allem auch die Unterdrückung Homosexueller in Palästina. Der Film ist vielleicht etwas lang geraten und beim anschließenden Q&A mit dem Filmemacher konnte man auch vernehmen, dass der sehr radikale Schluß manchem Zuschauer nicht gefallen hat, aber trotzdem überzeugt der Film als Gesamtes durch mutige Ideale, große Kraft und tiefen Emotionen.

Mein letzter Film des Tages hat den Samstag aber dann leider auf einer schaalen Note ausklingen lassen: SURVEILLANCE aus England. Es geht um die totale Überwachung. Ein junger Mann gerät durch eine spontane Liebesnacht in einen tiefverwurzelten Spionagefall. Erzählt wird die Geschichte ausschließlich durch - so heißt es zu Beginn - Bildmaterial von Überwachungskameras und Aufnahmen eines britischen Fernsehsenders. Natürlich stimmt das nicht. Der Film ist eine Mischung aus Mockumentary (getürkter Dokumentation) und Spielfilm, schafft es aber leider nie eine konsistente Erzählung aus seinen Elementen zu gewinnen. Erst wenn man SURVEILLANCE viele seiner Schönheitsfehler eingesteht, kann man ihm ein klein wenig Vergnügen abgewinnen. Aber nicht viel. Schade.


STEFFI schreibt:
So sehr man das Filmegucken geniesst, müde ist man morgens doch immer, auch wenn man wenige Reihen vor sich das Haupthaar von Gael Garcia Bernal bewundern kann. Und so war ein als ?langsam erzählt? angekündigter Film über die Mongolei nicht unbedingt das, was ich mir um 09:00 Uhr als Start in den Tag vorstellte. TUYAS EHE hat mich aber schnell wach werden lassen, obwohl er tatsächlich behutsam seine Geschichte erzählt. Es geht um die Schäferin Tuya, die einen neuen Ehemann finden muss, der auch bereit ist, ihre zwei Kinder und ihren kranken ersten Mann mitzuversorgen. Ohne seicht oder kitschig zu werden, strahlt die Story durch ihre authentischen Figuren soviel Warmherzigkeit aus, das man sich einfach nur berühren läßt.

Im Anschluß hieß es Bananen und Calcium bereit halten! OK, der Vergleich hinkt, aber THE GOOD SHEPHERD ist immerhin drei Stunden lang! Mein Urteil über diese zweite Regiearbeit von Robert de Niro ist zwiespältig. Die ersten anderthalb Stunden hat er mich gefesselt, war spannend und gleichzeitig unheimlich schön fotografiert. Die angenehm plakative Bildsprache behält er auch bis zum Schluß, aber die Charaktere gerieten mehr und mehr zur Pose und die Geschichte zweigt zu oft kurz in eine Nebenstraße, was die drei Stunden erklärt, aber nicht rechtfertigt. Matt Damon zumindest spielt den wortkargen CIA Agenten ausgezeichnet, mir scheint, in unrührbaren Figuren fühlt er sich am wohlsten.

Auf der anschließenden Pressekonferenz hingegen war er der typische amerikanische Sonnyboy, ganz im Gegenteil zu Robert de Niro, der mit langer Miene vor sich hinstarrte, und recht lustlos auf die Fragen der Journalisten antwortete. Auf die Frage, warum die Geschichte aus der Perspektive nur einer Figur erzählt werde, sagte er:? Weil es so im Drehbuch stand. Wenn Sie wüßten, wie man Filme dreht, wüßten Sie, daß es Drehbücher gibt, nach denen man den Film erzählt.? Es war wohl nicht so ganz sein Tag? Emotional mitreißender als Robert de Niro war später am Tag die Premiere von DIE FÄLSCHER über die Philip schon viel Wahres geschrieben hat. Sie waren der zweite Höhepunkt des Tages, denn mein vierter Film an diesem Tag konnte leider nicht überzeugen: FACES OF A FIG TREE ist das Erstlingswerk der Japanerin Momoi Kaori, die man bisher nur als Schauspielerin (z.B. ?Die Geisha?) kannte. Daß es ihre erste Regiearbeit ist, merkt man leider an dem Drang, alle Ideen auf einmal umzusetzen. Fotostillstand hier, Kurzauftritt animierter Ameisen, Tempiwechsel, aber beim Zuschauer entsteht kein Gefühl für die Motivation dahinter. Die Geschichte einer japanischen Familie enthält wenige starke Szenen, ist aber insgesamt zu wirr geraten.


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Freitag, 09.02. - Tag 02:

PHILIP schreibt:
Auch wenn die Zeit heute etwas drängt, möchte ich nicht säumen, meinen bereits angedeuteten gestrigen Tagesabschluss kurz zusammenzufassen. THE TRACEY FRAGMENTS hieß der Film, der die diesjährige Panorama-Reihe des Festivals eröffnete und - meine Güte! - wenn je auf einen Film das vielsagende Attribut "interessant" passen sollte, dann auf diesen! Der Film nimmt seinen Titel nämlich sehr ernst: Die fünfzehnjährige Tracey irrt auf der Suche nach ihrem kleinen Bruder (der glaubt er sei ein Hund) durch ihre kanadische Heimat - und wie das nunmal so bei Fünfzehnjährigen ist, wird ihr Leben von Komplexen, Selbstbetrug und Illusionen bestimmt. Auf eindrucksvolle Weise gelingt dem Film diese verschiedenen Ebenen von Traceys Persönlichkeit und ihrer Wahrnehmung darzustellen: jedes Element des Films scheint fragmentiert zu sein - die Erzählung, besonders aber die Visualisierung. Nur selten bekommt der Zuschauer hier die beruhigende Vertrautheit eines einzelnen Bildes, oft sind mindestens zwei, häufig sogar unzählige Bilder und Szenen übereinandergelagert, in verschieden geformten Bildfenstern, mit mehreren sich überschneidenden Audiospuren. Das ist alles sehr experimentell, gerade für einen Langfilm und ich weiß beim besten Willen nicht, ob ich das mag. Als Experiment ist der Film ein großer Erfolg von berauschender Wirkung. Als richtungsweisende Innovation des Erzählkinos wäre er erschreckend...

Das war gestern. Nach einer viel zu kurzen Nacht ging und einigen Interviews am Morgen ging es zur Mittagszeit dann mit Stephen Soderbergs Wettbewerbsfilm THE GOOD GERMAN weiter. Im Vorfeld gab es bereits viel schlechte Presse über diesen Film, der die Ästhetik der großen Hollywoodfilme der 40er Jahre zu rekonstruieren versucht. Er sein kalt und bemühe sich viel zu sehr. Nun, diese beiden Vorwürfe stimmen tatsächlich: Der Film gibt seinen Zuschauern keine Chance sich mit einer der Figuren wirklich zu identifizieren, nicht mit der Figur von George Clooney und auch nicht mit der von Cate Blanchett. Das liegt zum einen an der wendungsreichen - sprich: überfrachteten - Geschichte, zum anderen aber am Konzept des gesamten Films. Als eine einzige große Hommage an die Filmklassiker, wird der Zuschauer stets auf intellektuellem Abstand gehalten.
Soviel zu den Vorwürfen. Was aber gerne verschwiegen wird, ist dass der Film als Hommage ein großer Erfolg ist. Soderberg zieht alle Register - von einzelnen Einstellungen, über Ausstattung, Licht und Ton bis zum artifiziellen Schauspiel und dem erzählerischen Rythmus. Als filmemacherischer Spielplatz ist THE GOOD GERMAN also kaum zu schlagen...

Wie gesagt: "KAUM zu schlagen"... denn bereits dem nachfolgenden Wettbewerbsfilm gelang es Soderbergs THE GOOD GERMAN in punkto Inszenierungswitz in den Schatten zu stellen. Die Rede ist von I'M A CYBORG, BUT THAT'S OK, dem jüngsten Werk des koreanischen Filmemachers Park Chan-wook (Oldboy, etc.). Pech für Soderberg, Glück für uns Zuschauer. Regisseur Park erzählt in diesem Film (der sicherlich den besten Titel des Festivals trägt!) die Geschichte einer jungen Liebe. Soweit nichts besonderes, wären die beiden Liebenden nicht ausgerechnet Insassen einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Wollte man den Film mit einem kurzen, unnötigen und pauschalen Satz umschreiben, dann wäre es wohl: "SCIENCE OF SLEEP der diesjährigen Berlinale!" Und wie das mit überflüssigen, pauschalen Sätzen ist, stimmt das natürlich nicht wirklich. Klar, beide Filme sind unbeschreiblich kreativ und geradezu ungebunden in ihrer Ideenvielfalt, aber doch haben sie ganz unterschiedliche Konzepte. Parks Film jedenfalls ist bezaubernd naiv und zutiefst menschlich. Im Mittelpunkt steht die zarte Beziehung zwischen einem jungen Mädchen, das überzeugt ist ein Cyborg zu sein und einem Mann mit einer Elektrozahnbürsten-Obsession (und dem Glauben, er könne anderen Menschen Eigenschaften stehlen). Was den Film neben seiner Dichte an List und Witz besonders auszeichnet, ist die Tatsache, dass alle Insassen dieser Psychatrie die Wahnvorstellungen der anderen für voll nehmen. Nie werden Vorstellungen hinterfragt. Während die Ärzteschaft eher unbedaft ist, können die Verrückten unter sich ganz sie selbst sein. Köstlich ungewöhnlich, lecker lustig und wohlschmeckend intelligent, dazu von tiefer Menschlichkeit. Punkt.

Aber das war noch lange nicht alles an diesem heutigen Tag. Um zwanzig Uhr folgte ein weiterer ganz besonderer Film: der australische Film THE HOME SONG STORIES - kurz zusammengefasst ein Immigranten-Drama (über Chinesen die nach Australien auswandern) auf der einen und ein Coming-of-Age-Film auf der anderen Seite. Basierend auf dem eigenen Leben des Autors und Regisseurs, erzählt der Film die Geschichte eines Jungen und seiner älteren Schwester, die stark unter der Beliebigkeit und Sorglosigkeit ihrer Mutter leiden müssen. Sicher, die Mutter liebt ihre beiden Kinder abgöttisch, aber das ändert nichts an der Last, die die Kleinen für ihre egozentrische Lebensweise schleppen müssen. Bald wird die Mutter auch noch schwer depressiv und versucht sich mehrmals das Leben zu nehmen. Das klingt alles sehr dramatisch und ist auch tatsächlich höchst emotional, bleibt aber stets packend und unterhaltsam, immer wieder von humorvollen Episoden unterbrochen. Dass dieser Film dabei tatsächlich noch über die eigene Mutter des Filmemachers erzählt, macht ihn nur noch intensiver, sorgt aber auch für den einen oder anderen Bruch mit erzählerischen Konventionen. Regisseur Tony Ayres hat im Anschluss an den Film noch erzählt, dass viele der getragenen Kleider und Ketten tatsächlich noch von seiner Mutter stammten. Bemerkenswert. Übrigens hat Hauptdarstellerin Joan Chen den Film bei dieser Vorführung zum aller ersten Mal gesehen und kam sprachlos und gerührt auf die Bühne. Ihr und dem ganzen Publikum hat der Film sehr gut gefallen - deshalb gab es auch minutenlangen, ehrlichen Applaus.

Der letzte Film dieses Tages hielt dann leider nicht mehr, was sein wohlklingender Titel verspricht: ITTY BITTY TITTY COMMITTEE - ein Film für aktivistische Lesben und radikale Feministinnen. Ein gutbürgerliches lesbisches Mädchen trifft auf eine Truppe Aktivistinnen mit dem vielsagenden Namen "CIA", kurz für "Clits in Action", und schafft es sich nach und nach deren Respekt zu verdienen. Das ist durchaus kurzweilig, kam beim Szenepublikum auch sehr gut an, war aber ehrlich beurteilt doch viel zu konventionell, vor allem aber handwerklich unzureichend bis schlecht. Schade drum...


STEFFI schreibt:
Der Panorama Eröffnungsfilm THE TRACEY FRAGMENTS machte Lust auf mehr Filme aus dieser Reihe. Tatsächlich ?fragmentarisch?, nämlich in sich laufend verändernden Clips nebeneinander, erzählt Bruce McDonald aus dem Leben der 15jährigen Tracey Berkowitz und die außergewöhnliche Optik macht die Seelenlage des Mädchens noch anschaulicher. Gutes neues Futter für unsere Augen!

Danach haben wir in den BERLINALE TALENT CAMPUS reingeschnuppert, der in Umfang und Vielfalt duch dieses Jahr wieder seinesgleichen sucht. Unter anderem werden den 350 Talenten aus aller Welt Wim Wenders und Jasmila Zbanic (Goldener Bär 2006 für ?Grabavica) mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Vorjahresgewinnerin wurde speziell für ein Panel eingeladen, das sich der Realisierung politischer Filme auch gegen Widerstände widmet. Habe mich sehr gefreut, sie heute persönlich kennenzulernen. Nahbar und freundlich hat sie sich unseren Fragen gestellt, mehr zum Interview gibt es bald in der Filmspur zu hören!

Im Wettbewerb der Berlinale ging es für uns dann weiter mit Steven Soderberghs THE GOOD GERMAN, einer Hommage an den Film Noir mit George Clooney und Cate Blanchett in den Hauptrollen. Stilistisch und musikalisch eine gelungene Nachahmung mit teilweise grossartigen Bildern, inhaltlich und dramaturgisch jedoch weniger prachtvoll. Cate Blanchett spielt gut und hat sich sichtlich am Spiel der damaligen Filmikonen orientiert. Christian Oliver dagegen, der einzige Deutsche im Ensemble, kann neben ihr nicht bestehen und gibt den Film in den wenigen Szenen mit seiner Beteiligung schon fast der Lächerlichkeit preis. Schade, denn der Anfang und die Optik hätten mehr daraus werden lassen können.

Mehr Freude bereitete da schon der Wettbewerbsbeitrag aus Korea: I'M A CYBORG, BUT THAT'S OK hat nicht nur einen originellen Titel. In bunten Bildern wird diversen Neurosen in einer koreanischen Psychatrie Raum verschafft, wobei der Fokus auf der jungen Young-Noon liegt, die sich für einen Cyborg hält und daher die Nahrung verweigert. Amüsant und mit ganz viel Liebe zu seinen orientierungslosen Protagonisten hat Park-Chan Wook diesen Phantasiereigen inszeniert. Nach dem Film wurde ich direkt vom koreanischen Fernsehen interviewt und war froh, keine höflichen Ausflüchte finden zu müssen. Wirklich unterhaltsames Kino!

Auch das Ende des zweiten Tages zieht mich heute wieder in das Teenager Alter zurück. Ebenfalls im Panorama wird ITTY BITTY TITTY COMMITTEE gezeigt. Klingt leicht nach Softporno der 70er, ist aber ein Film über eine lesbisch-feministische Punkgruppe aus der Neuzeit.


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Donnerstag, 08.02.- Tag 01:

PHILIP schreibt:
Eröffnungsfilmen wird auf Festivals doch immer mit einer besonderen Erwartung entgegengefiebert: Erstklassig sollen sie sein, besser noch perfekt. Immerhin bekommen Sie - in Verbindung mit der feierlichen Gala, die ein jedes Festival einleitet - die stärkste Medienaufmerksamkeit und müssen so, mehr noch als die anderen Filme, das beginnende Festival repräsentieren, seine Richtung vorgeben.
Letztes Jahr etwa, da wurde das Festival vom amerikanischen Film SNOW CAKE eröffnet. Alienjägerin Sigourney Weaver spielte darin eine Art liebenswerte Autistin. Sicherlich hatte sie sich dieser Rolle mit großer Sorgfalt angenommen, doch am Ende machten Kitsch und Pathos der Inszenierung die meisten ihrer Mühen zunichte. Mit viel gutem Willen konnte man SNOW CAKE vielleicht gerade noch das Prädikat "gut" zusprechen, aber perfekt war der letztjährige Eröffnungsfilm - man ahnt es schon - auf gar keinen Fall.
Nun, auch der diesjährige Eröffungsfilm kann die hohen Erwartungen, die zwangsläufig an ihn gestellt werden, nicht ganz erfüllen, denn pefekt ist LA VIE EN ROSE selbstverständlich genau so wenig. Deutlich strahlender als der letztjährige Opener ist er aber definitiv. Schon alleine die grandiose Leistung seiner Hauptdarstellerin setzt die Messlatte im Wettkampf um mindestens einen der begehrten Bären gewaltig hoch. Aber halt! Eines nach dem anderen...
LA VIE EN ROSE - man hat es vielleicht schon gehört - erzählt die Lebensgeschichte der berühmten französischen Chanson-Sängerin Edith Piaf. Die Spannweite der Erzählung reicht dabei von ihrer frühsten Kindheit bis zum viel zu frühen Tod, bricht dabei aber immer wieder munter die Chronologie. Das mag ein wenig Spiegel davon sein, dass es Regisseur und Autor Olivier Dahan (DIE PURPURNEN FLUESSE 2) nicht um historische Genauigkeit ging, wie er in der an den Film anschliessenden Pressekonferenz verriet, sondern eher darum ein treffendes und gleichzeitig packendes Portrait der Piaf zu zeichnen. Und wenn ich bedenke, mit welcher emotionalen Wucht mich dieser Film gepackt hat, dann kann ich guten Gewissens sagen, dass ihm zumindest Zweiteres gelungen ist.
Dass der Film in seinen Bestrebungen so erfolgreich ist, das hat meiner Meinung nach dreierlei Gründe:
Zum einen war Edith Piafs Leben abenteuerlich, leidenschaftlich und kompromisslos und bietet somit die ideale Grundlage für einen Film.
Zum anderen hat auch ihre Musik bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Dass Dahan außerdem weiss, diese Musik geschickt einzusetzten, trägt ihr Übriges zu deren Wirkung bei.
Drittens aber - und ich hatte es vorhin bereits angedeutet, so dass es sicherlich nicht überrascht, dass hier der wichtigste Punkt kommt - ist die schauspielerische Leistung von Marion Cotillard! Die ist nämlich von beinahe singulaerer Qualität. Es ist zwar ein schon längst abgenutzter Topos der Filmkritik, aber trotzdem hat er selten so gut gepasst wie hier: Cotillard spielt ihre Rolle nicht nur, nein, sie wird förmlich zu Edith Piaf. Das ist beängstigend gut ... und wird für mich noch zusätlich durch die Tatsache unterstrichen, dass ich Coitillard während des ganzen Films nicht als die wunderhübsche Kellnerin erkannt habe, die Russel Crowe in Ridley Scotts mehr als mässigem Frankreich-Kitsch A GOOD YEAR den Kopf verdreht.

Wenn LA VIE EN ROSE ein erster Gradmesser für eine angestiegene Qualitäet zum letztjährigen Festivalprogramm sein sollte, dann muss die diesjährige Berlinale förmlich in den Himmel zielen. Ich versichere Euch: ich bin gespannt! Sehr!

Und damit beende ich meinen ersten Eintrag in das diesjährige Berlinale-Tagebuch und hoffe, dass ich noch ein wenig Raum fuer Steffis Gedanken gelassen habe. Später diesen Abend werden wir noch die Eröffnung der Panorama-Reihe besuchen - auf dem Programm steht der kanadische Film THE TRACEY FRAGMENTS mit der zu gleichen Anteilen fantastischen wie blutjungen Ellen Page.


STEFFI schreibt:
Berlinale ? The First Contact! Es sind noch keine 24 Stunden Berlinale rum und ich bin schon restlos begeistert! Der Tag startete nach den Akreditierungsformalitäten mit einer entspannten Pressekonferenz der internationalen JURY. Machten von Paul Schrader über Willem Dafoe bis Gael Garcia Bernal, der angenehm an seinen Charakter aus SCIENCE OF SLEEP erinnerte, einen sehr sympathischen Eindruck.

Dann aber war es endlich Zeit für den Eröffnungsfilm und LA VIE EN ROSE regnete als geballte Ladung Emotion, Spannung und Chanson auf uns hernieder. Die bereits von Philip erwähnte schauspielerische Leistung von Marion Cotillard als Edith Piaf kann nicht genug betont werden: der absolute Kracher! Kaum zu glauben, daß die gegen Ende Ihres Lebens so gebeugte Frau von der jungen Französin gespielt wurde, die man im Anschluß auf der Pressekonferenz erleben durfte. Die vier Monate ?Entengang? und die akurate Darstellung der Playbacks seien das härteste für sie beim Dreh gewesen, erzählte sie später, und man kann nach so dem intensiven Leinwanderlebnis verstehen, daß es ihr nicht sofort nach Drehschluss gelang, sich wieder aus der Rolle zu lösen. Trotz ihrer grandiosen Leistung und der Tatsache, daß der Film viele der möglichen Biographie-Gefahren (Jugend, Alter, Tod-Reihenfolge, Kitsch-Alarm) durch eine ganz eigene Chronologie und sehr poetische Bilder umschifft, kann ich LA VIE EN ROSE nicht als Bärenaspiranten feiern. Dafür war er mir schlichtweg zu lang und drehte sich an manchen Stellen dramaturgisch im Kreis. Ein klasse Film ist es dennoch und Marion Cotillard unanfechtbar sehenswert.

Wer das erste Mal auf der Berlinale ist, muss natürlich auch beim Roten Teppich dabei sein. Meine Sicht war eher dürftig, aber allein das Gekreische der Fotografen war ein Happening für sich. ?Veroooooooonikkkkaaaaaaaaaa!? (Ferres) ?Jeeeeeeeeeeeffff!? (Goldblum) "Fraaaaaaankkkkkaaaaaaa!? (Potente) Die müssen morgen alle heiser sein!

Als letzten Programmpunkt werden wir uns heute keinen Wettbewerbsbeitrag, sondern den Eröffnungsfilm aus der Reihe Panorama anschaun: THE TRACY FRAGMENTS ist Bruce McDonald Versuch, sich in den Kopf einer pubertierenden 15jährigen zu versetzen. Bin sehr gespannt!